Malte Urban: Die Talente sind da

René Penno am 24.01.2010 - 17:57 Uhr
Malte Urban
Vor etwas mehr als einem Jahr hat Malte Urban seine Karriere beendet und an Silvester 2008 sein Rad an den Nagel gehängt. Seitdem widmet sich der Herforder, der die deutsche Crossszene in den letzten Jahren mitprägte, seiner neuen beruflichen Herausforderung als Außendienstmitarbeiter der Firma Derby-Cycle. Auch wenn er den Radsport an sich nur kaum verfolgt hat, die Crossszene hat Urban jedoch nicht aus den Augen verloren. Was hat er heute macht und wie er das aktuelle Geschehen verfolgt und einschätzt, darüber sprach radcross.de mit dem 35-Jährigen.

radcross.de: Jetzt ist es über ein Jahr her, dass Sie Ihre Karriere nach 30 Jahren Radsport beendet haben. Wie geht es Ihnen heute?
Malte Urban (M. U.): Als ich aufgehört habe, war schon Wehmut dabei. Es war einer der emotionalsten Momente mit der Gewissheit, das letzte Rennen gefahren zu sein. Die Erkenntnis, dass einem was fehlt, kam aber erst später. Ich hatte die letzten zwei Jahre meiner Karriere schon Motivationsprobleme zwischendurch, weil sich die Motivation abnutzte. Es fiel mir schwer, mich immer für das gleiche Ziel zu motivieren. Deshalb waren auch die Deutschen Meisterschaften in Herford für mich sehr wichtig – das hat mich angetrieben.

Jetzt kann ich sagen, ich habe den richtigen Zeitpunkt gewählt, als Deutscher Meister und auf dem Höhepunkt meiner Karriere aufgehört zu haben. Ich hatte die Möglichkeit von meinem Sponsor Focus bekommen, in Nordrhein-Westfalen im Außendienst zu arbeiten, dafür bin ich sehr dankbar und habe diese Chance genutzt. Schließlich hatte ich ja auch schon sehr früh auf die Karte Radsport gesetzt, und es gelingt nicht jedem, den Wechsel so hinzukriegen.

radcross.de: Wie schwer fiel Ihnen der Abschied letztendlich?
M. U.: Der Abschied fiel mir insofern leicht, da ich ein halbes Jahr Zeit hatte, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Ich kann sagen, dass ich den Zeitpunkt selbst bestimmen konnte und der nicht durch Gesundheit oder auch dadurch, dass ich vielleicht keinen Vertrag mehr bekäme, beeinflusst wurde. Ich hätte auch noch weiter Rad fahren können, aber das Karriereende eines Sportlers schwebt über die gesamte Dauer der aktiven Laufbahn über einem, da muss man den richtigen Moment erkennen und zuschlagen wenn sich die Möglichkeit bietet!

radcross.de: Jetzt mit einem Jahr Abstand – fehlt Ihnen etwas?
M. U.: Am Anfang fehlte mir absolut nichts. Jetzt fehlt mir die Bestätigung, egal, ob man gut oder schlecht war. Man war in den Medien präsent, in den Ergebnissen, das hat gepusht. Jetzt stehe ich mitten im Berufsleben, lebe da von der Motivation, meinen Job als Vertriebler möglichst erfolgreich zu machen. Jetzt aber ruft keiner mehr an und sagt wie gut du deinen Job machst, ich stehe nicht mehr so im Mittelpunkt, daran muss man sich erst gewöhnen.



radcross.de: Sie waren Anfang des Jahres beispielsweise beim Crossrennen in Vechta als Zuschauer. Juckt es denn noch in den Beinen?
M. U.: Die ersten zehn Monate bin ich kaum Rad gefahren. Ich habe andere Sportarten gemacht. Ich habe einfach keine Lust aufs Radfahren verspürt und bin im ganzen Jahr gerade mal 4.000 Kilometer gefahren. Das ist gar nichts im Vergleich zu dem Programm von früher. Aber natürlich juckt es noch, wenn man an der Strecke steht. Es wäre auch traurig, wenn es nicht mehr jucken würde, aber die Zeit lässt sich weder anhalten noch zurückdrehen, das muss man einfach erkennen. Ich kann sagen, ich hatte eine sehr, sehr schöne Zeit als Profi.

radcross.de: Wie beobachten und beurteilen Sie die aktuelle Situation im deutschen Crosssport?
M. U.: Wenn man sich die Elite anschaut, ist mit Philipp Walsleben endlich wieder jemand da, wo man die Hoffnung haben kann, dass er vielleicht sogar mal Weltmeister der Elite werden kann, der seinen Weg gehen wird. Er ist das Aushängeschild der nächsten zehn Jahre. Und da ist auch noch Christoph Pfingsten als Vize-Weltmeister der U23. Er steht ein bisschen im Schatten von Walsleben, hat aber sicher eine Menge Potenzial. Er kann bei der WM in St. Wendel sicher auch in die Top Ten fahren. Dann aber ist schon ein großes Loch, da ist gar nichts. Wenn ich dann noch vom BDR lese, dass man keine WM-Touristen mitnehmen will, dann aber einen Fahrer wie Johannes Sickmüller nominiert, der bei einer WM eigentlich gar nichts zu suchen hat, ist das für mich unverständlich. Das muss ich doch auch als Rennfahrer selber merken und nicht unter dem Motto,, dabei sein ist Alles“ zu einer WM reisen. Dann schöpft man bei den Junioren nicht mal die Möglichkeit aus, fünf Fahrer mitzunehmen und so auch in die Zukunft zu investieren, das verstehe ich nicht.

Die nationale Szene wird wie immer geprägt vom Deutschland-Cup. Der aber hat überhaupt keinen Stellenwert, so wie er momentan ausgetragen wird. Das erkennt man doch schon daran, dass die besten deutschen Fahrer gar nicht mehr an den Rennen teilnehmen. Wenn jemand wie Jens Schwedler nach seinem zweiten Rücktritt vom Rücktritt noch immer mit den jungen Leuten Schritt halten kann, muss ich feststellen, dass leistungsmäßig nichts passiert ist. Es ist einfach Stillstand. Wobei ich die Leistung von Jens durchaus anerkenne.

radcross.de: Und was kann man Ihrer Meinung nach tun, damit es voran geht?
M. U.: Man muss über die Landesverbände Aufbauarbeit leisten. Es gibt viele Talente. Aber Talent oder nicht, nur mit Begabung wird man auch kein Weltmeister. Das ist harte Arbeit. Man muss diese Sportler fördern und unterstützen, gerade dann, wenn die EM und die WM 2011 im eigenen Land sind. Wobei der Anspruch der einzelnen Fahrer auch höher sein sollte, als nur WM-Teilnehmer zu sein. Um aber voran zukommen, ist auch der BDR gefordert. Denn außer die Marken Focus und Stevens gibt es niemanden, der dafür sorgt, dass die Fahrer mit Material versorgt sind und diese Jungs unterstützt werden. Aber das habe ich schon vor zehn Jahren gesagt, Mike Kluge vor 15 und Jens Schwedler macht aktuell immer wieder darauf aufmerksam, es hat sich beim BDR einfach nichts geändert. Als ich vor fast 20 Jahren in die Querfeldein-Nationalmannschaft berufen wurde, gab es mindestens zwei Trainingslager, Leistungsdiagnostik, Wettkampfplanung, Material und Bekleidung vom Verband! In den letzten Jahren gibt es nix mehr, außer einem Rennanzug und einer Thermojacke. Nur der Aufbauarbeit einzelner Vereine und deren Sponsoren ist es zu verdanken, dass es heute Fahrer wie Walsleben oder Pfingsten erfolgreich in die Eliteklasse geschafft haben. Ich kann nur sagen, die Talente sind da, man muss nur nach ihnen suchen und sie formen.

radcross.de: Was trauen Sie den Deutschen bei der WM in Tabor zu?
M. U.: Ich glaube, dass Philipp Walsleben auf die Plätze zwischen zehn und 15 fahren kann. Christoph Pfingsten traue ich einen Platz so um die 20 zu. Zu den Junioren kann ich wenig sagen, bei den U23 sind mir die weniger guten Ergebnisse zum Vorjahr international aufgefallen. Hanka Kupfernagel kann Weltmeisterin werden, genauso gut aber auch Fünfte.

radcross.de: Sie sind dafür bekannt, dass Sie Ihre Meinung sagen. Würde es Sie denn nicht reizen, selbst etwas im Radsport zu machen?
M. U.: Ich bin glücklich mit dem, was ich jetzt mache. Sicher bin ich Sportler durch und durch und habe dem Sport sehr viel zu verdanken. Vor einem Jahr hatte ich die Möglichkeit, türkischer Nationaltrainer zu werden, aber nach 15 Jahren als Profi wollte ich erstmal im normalen Berufsleben Fuß fassen und mich nicht auf das nächste Abenteuer einlassen.